Interview mit Prof. Dr. Sita Mazumder
[18.11.2008]Die Evastöchter sind auf dem Vormarsch, nicht wenige Experten reden in dem Zusammenhang sogar von einem Megatrend. Auch wenn zugunsten der Frau ein Umdenken stattgefunden hat, hinkt die tatsächliche Umsetzung gewaltig. Helvetia ist in Bezug auf das Geschlechtergleichgewicht ein eher unrühmliches Blatt. Privatpersonen, Unternehmen sowie der Staat sind zu gleichen Teilen gefordert, dem Ungemach entgegen zu treten.
«Eine Frau, gleichgestellt, wird überlegen», hat Sokrates vor über zweitausend Jahren erkannt. Leider aber hat sich dies noch nicht im gewünschten Masse – politisch und wirtschaftlich – in den Köpfen manifestiert. Zwar sind einige gedeihliche Branchen da-
bei, mit massgeschneiderten Produkten fest um die Töchter Evas zu buhlen; alles in allem aber hinkt diese Entwicklung (Umsetzung) der heutigen Moderne gewaltig hinter-
her.
Es ist jedoch nur eine Frage der Zeit, bis sich dieser «Pferdefuss» quasi in Luft auflöst und die Wirtschaftstüren für die Frau per se sperrangelweit offen sind. Dass der Schnauz endlich weg muss, ist nicht nur eine Modeerscheinung. Viel mehr zeigt ein weiterer Paradigmenwechsel, dass das sekundäre Geschlechtsmerkmal des Mannes keine Carte blanche für Toppositionen und -gehälter mehr darstellt.
Verstaubtes Gedankengut ade!
Das ist erfreulich, allerdings hapert es wie angetönt noch immer an der Umsetzung. Gefragt sind an dieser Stelle beispielsweise zukunftsorientierte Gemeinschaftsprojekte und eine generelle Offenheit (Privatpersonen, Staat, Unternehmen). Dies soll mitunter dazu führen, dass Vorurteile abgebaut werden, Hemmnisse aus dem Weg geräumt werden und Schlagwörter wie etwa «Diversity» oder «Womenomics» nicht nur Schlag-
wörter bleiben, sondern auch im positiven Sinne in das Wirtschaftsgebaren eingebettet werden.
Verstaubtes Gedankengut, das eine Million Lichtjahre vom modernen Entrepreneur entfernt ist, gehört nicht in eine progressive Volkswirtschaft. Es gilt sich ohnehin stets vor Augen zu führen, dass Frauen dem Mann gegenüber viele Vorteile aufweisen, die im modernen Unternehmertum kaum mehr wegzudenken sind. Diese täten nämlich die momentan oft maroden Geschäftsergebnisse doch etwas aufpeppen oder es wäre aufgrund der – Achtung Verallgemeinerung! – Risikoaversion seitens Frau nimmer derart eingerostet.
Um diesen Inhalt anzuzeigen, wird der Flash Player der Version 8 oder höher vorausgesetzt. Download Flash Player
|
Daniel Düsentrieb mit Mascara
Die Evastöchter sind aber nicht nur in elegischen Marktperioden geeignet, das Ruder herumzureissen. Sie sind generell viel umsichtiger «operierend», das heisst zum Beispiel, sie berücksichtigen alle Stakeholder, verwechseln Geld nicht mit Macht und sind stets versucht, das Schiff langfristig auf Kurs zu halten. Weiche Faktoren gehören in den Geschäftsalltag wie harte, das bestreitet heute zwar auch keiner. Und es ist wie in vielerlei Hinsicht: Die optimale Mischung macht es aus, die ausgewogene Kombination führt zum Erfolg.
Apropos Erfolg: Viele Errungenschaften, bei denen Mann und Frau (heute) zu gleichen Teilen zum Handkuss kommen, sind auf den Erfindergeist der Damenwelt zurück-
zuführen. Denn viel häufiger als man denkt, steckt hinter diesem teils gloriosen Ideen-
reichtum eine Frau. Und hätten frühere antiquierte Gesetze nicht dauernd «Weiblein unterjocht», sähen wir wohl Danielle Düsentrieb mit Lippenstift und Mascara Neues aus der Taufe heben.
Von Faulstich über Bentz hin zu …
Eine findige Tüftlerin zum Beispiel heisst Marga Faulstich und zeichnet für die Ent-
wicklung von mehr als 300 Typen optischer Gläser verantwortlich. Annähernd 40 Pa-
tente tragen ihren Namen und überdies ist sie eine der ersten weiblichen Führungs-
kräfte. Etwas ganz anderem, nicht minder Wertvollem, hauchte Hedy Lamarr in Zusammenarbeit mit George Antheil Leben ein – dem Notebook und GSM-Mobilfunk-
telefon. Das heisst: Sie haben zumindest den Weg für die zwei Gerätschaften geebnet, indem das Duo ein Gerät zur abhör- und störungssicheren Funkfernsteuerung von Torpedos kreierte.
Nicht in den Bereich der Datenübermittlung/Waffenindustrie, dafür in die Welt der Küchen fällt die Erfindung von Melitta Bentz – das Kaffeefilterpapier. Im Jahr 1908 liess sie es beim Kaiserlichen Patentamt zu Berlin registrieren und schützen. Schützen wollte eine andere vife Tüftlerin, Mary Anderson, ebenso, und zwar alle Autofahrer, deren Sicht jeweils von Schnee und Regen beeinträchtigt wurde. Das entsprechende Patent für den ersten handbetriebenen Scheibenwischer erhielt die Frau aus New York Ende 1903.
Helvetisches Trübsal
Eine Dekade später machte Katharina Paulus, die erste deutsche Berufsluftschifferin, eine bahnbrechende Erfindung namens Fallschirmpaket. Daraufhin strichen einige Jahre ins Land, bis sie dafür ein (Schweizer) Patent bekam. Noch heute ist jedem Fallschirmspringer der sogenannte Paulushaken ein Begriff. Und Helvetia ist gar ein Teil dieser wunderbaren Geschichte. In Bezug auf das Geschlechterungleichgewicht ist die Schweiz leider fernab von einem Eintrag in die Geschichtsbücher.
Mehr dazu respektive unrühmliche Tatbestände – wie etwa, dass die Schweiz auf dem denkwürdigen 40 Platz (und knapp vor Usbekistan, Vietnam, Mazedonien) rangiert, ver-
rät der «The Global Gender Gap Report 2007». Der Bericht, der im Jahresrhythmus vom World Economic Forum (WEF) und in Zusammenarbeit mit diversen Universitäten welt-
weit erstellt wird, ist nicht irgendein Klaumauk oder Seemannsgarn. Es scheint, als hätten wir wirklich noch viel zu tun.